
Morgen würde mein Vater seinen hundertsten Geburtstag feiern. Er ist vor 29 Jahren gestorben. Nach einem Leben, das ihn selbst und die ihm Nahestehenden sehr anstrengte.
Ich habe einige Zeit gebraucht, um ein positives Grundrauschen in der Erinnerung an ihn zu stabilisieren. Es ist gelungen und sogar ein paar hilfreiche Blaupausen für das eigene Leben scheinen aus den vergilbten Blättern der Vergangenheit.
Vor 10 Jahren habe ich einen Text auf Facebook gepostet, in dem ich eine ganz besondere Erinnerung an ihn erzählte. Heute poste ich diesen Text wieder.
"Zu den schönsten Erinnerungen an meinen Vater gehört der Sommer 1975.
Ich hatte den ganzen Juli in Grenoble bei einer französischen Gastfamilie verbracht, um endlich ordentlich Französisch zu lernen. Vormittags Schule, Nachmittags Sport und andere Lustbarkeiten.
Der Erfolg war überwältigend. Ich hatte mich sprachlich aus der Hoffnungslosigkeit ins beinahe akzentfreie Parlieren bewegt. (Heute fast alles verschütt gegangen).
Am Ende der vier Wochen holte mich mein Vater mit dem Auto ab (ein dunkelgrüner Volvo 144). Und wir starteten auf eine zweiwöchige Tour kreuz und quer durch Frankreich. Zuerst in die Camargue, wo ich mich lebenslang mit einer Sehnsucht nach dieser
einzigartigen Landschaft infizierte.
Und dann hinauf ins Zentralplateau, in eine Gegend, die man Larzac nennt.
Dort - im Kalkgebirge - gedeiht nur der Roggen. Die Leute züchten Schafe und machen den wunderbaren Roquefort-Käse. Einer der wenigen bekannten Orte dort hat dieser Köstlichkeit seinen Namen gegeben.
Wir erreichten ein kleines Dorf namens La
Cavalerie. In diesem Nest war Vati ein Jahr lang in französischer Kriegsgefangenschaft
gewesen. 1975 war das Lager als Kaserne weiter in Betrieb. Vati war 1945 bis 1946 zur
Arbeit bei den Bauern abkommandiert und außerdem wegen seiner Französisch-Kenntnisse
Chauffeur beim örtlichen Baron.
Unser erster Weg führte uns zu dem Bauernhof, wo Vati gearbeitet hatte. Und der nunmehr alte Bauer erkannte ihn sofort. In Windeseile hatte er seine
ganze Familie zusammengetrommelt. Dazu gehörte sein Sohn (etwa in Vatis Alter) plus
Ehefrau und deren Kinder (etwa in meinem Alter).
Das Grab der leider schon verstorbenen
Frau des Bauern wurde aufgesucht.
Und dann inszenierte die Familie ein Fest, das
seinesgleichen suchte. Im Hof des Gebäudes wurde eine Tafel aufgebaut, an der alle Platz nahmen.
Dann wurde aufgetischt.
Gemüsesuppe, ein Lammbraten zum ohnmächtig werden, ofenwarmer Kirschkuchen und die Sensation eines Roqueforts, für dessen angeblich
mangelnde Reife sich der Bauer ununterbrochen entschuldigte, während die unglaubliche
Würze des Käses unsere Gaumen in den Wahnsinn trieb.
All das begleitet von purpurrotem Landwein, den die Bauern während der Feldarbeit tranken - ein Lebenselixier!
Während der gesamten Feier hatte es meinem Vater die Sprache verschlagen. Er, der sich bis dahin noch
immer sehr gewandt ausgedrückt hatte, bat mich alle paar Minuten um sprachliche Übersetzung seiner Emotionen.
Und dann kam der Sohn des Bauern mit einem staubigen Relikt vom Dachboden herunter. Eine feuerrote Ziehharmonika. Mit Tasten, nicht mit den in
Frankreich üblichen Knöpfen. Auf DIESEM Instrument hatte mein Vater 30 Jahre zuvor gespielt.
Und er hat sie sich umgeschnallt und gespielt.
All die Schlager von damals.
La Paloma, Lili Marlen, ... Und während dessen sind ihm die Tränen das Gesicht heruntergekullert und allen um ihn herum auch."

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Gerd Friedrich (Sonntag, 31 Mai 2026 11:39)
Das Foto ist auch in meinem Kinderfotoalbum. Das erste Auto war der Ford M 12 glaube ich . Für mich erstmals Autobahn und fast 100 Km/h. Was glaubst, wie ich den Fahrer verehrt hab!! Alles Liebe G
Bettina Schuckert (Sonntag, 31 Mai 2026 12:13)
Ein wunderschöner Text, Hannes ❤️
Vincenzo Blando (Montag, 01 Juni 2026 09:38)
In der Tat, wunderschön, lieber Hannes. Er berührt ... und holt etwas hervor, das tief in meinem Herzen vergraben liegt. �
Lorle und Gerhard (Montag, 01 Juni 2026 13:17)
Lieber Hannes, der einzigartige Sommerurlaub 1975 in Frankreich mit deinem Vater hat sich mit seinen wunderbaren Momenten tief in deinem Herzen verankert. Gott sei Dank dafür! Danke, dass du diese berührenden Erinnerungen mit uns geteilt hast. Wir sind heute in Gedanken bei dir und deinem Vater.