Nächste Woche werde ich 68 Jahre alt.
Nach ein paar Jahren, in denen mich meine Gesundheit immer wieder herausgefordert hat (Vorhofflimmern, Galle raus, Titan-Schrauben im Rücken) fühle ich mich endlich
wieder fitter, als es mir "altersmäßig zusteht" (eine Formulierung meiner geliebten Tante Herma, für die ich sie jetzt leider nur mehr virtuell umarmen kann).
Gestern Vormittag bin ich mit meiner wunderbaren Gabi 6 km im Augarten gejoggt und es war lt. meiner Smartwatch mein schnellster Lauf seit Ewigkeit - und das ohne
jeden Schmerz und ohne jede Beeinträchtigung. Die Kopfhörer haben mir Stevie Wonders größte Hits ins Ohr geträufelt und ich hatte durchaus Sehnsucht nach einer Zeit, als auf einem Doppelalbum so
gut wie jeder Take ein Hit war und ich zu dieser Musik mitsingen konnte und mittanzen wollte.
Ich arbeite immer noch mit größter Leidenschaft.
Die wichtigste Zutat:
Den unfassbar großen Erfahrungs-Schatz so anzuwenden, dass ich gleichzeitig hellhörig und aufmerksam bin und bleibe, um die individuellen Feinstofflichkeiten wahrzunehmen und passend einzuordnen. Das ist meine "Mission", mein Leben.
Dabei kommt es überhaupt nicht mehr darauf an, auf welcher hierarchischen Flughöhe ich mich befinde.
Ich freue mich immer noch jeden Tag, wenn mich hochrangige Führungskräfte beauftragen. Zugleich bin ich mit der gleichen Leidenschaft mit jungen Einsteigern zusammen, die mich als Mentor einsetzen.
Oder mit all den Menschen aus der Mitte der Hackordnung, die jene Arbeit verrichten, ohne die kein Maschinenraum funktionieren würde.
Heute beim Rasieren hat Spotify einen Schlager aus den 50er-Jahren gespielt: "Make someone happy, make one someone happy..." und ich dachte mir sofort: Ja, das ist
meine Mission, so lebe ich und so wollte ich immer leben können - dass es durch meine Arbeit jemandem besser geht, als vorher.
All diese Gedanken bewahre ich in meinem innersten Tresor, denn die Zeiten sind wirklich seltsam und jedenfalls ich brauche ab und zu eine dicke Scheibe dieser
Glücks-Reserve, um nicht zu verzweifeln.
Ich bin eh fast nur noch Zaungast auf Facebook und jedes Mal froh, nicht mehr so manisch hineingezogen zu sein in eine Welt, deren Batterie-Ladestand sich bedenklich
dem Ende zuneigt. Bewegt man sich in den Social Media - in meinem Fall auf FB, Bluesky oder LinkedIn - kann man schon auf finstere Gedanken kommen.
Mein persönliches Grundrauschen: Die Boomer-Generation driftet immer mehr in eine Nische, die zwar noch geduldet, de facto aber grade noch ertragen wird. Die
neoliberale Fraktion - auch die in Österreich in der Regierung befindliche - vermittelt Leuten wie mir unverhohlen, dass es ziemlich lästig ist, uns in der Pension durchfüttern zu
müssen.
Angeblich Christlich-Soziale, wie der deutsche Kanzler, fordern ganz direkt, "wir" sollten doch einsehen, dass sich eine hohe Lebenserwartung mit einer Rente ab 70
wohl nicht vereinbaren lässt. Diensteifrig unterstützt von seinem reichlich seltsamen Fraktionschef, dessen in die Luft geschossenen Masken-Milliarden vielen Rentnern die Heizkosten finanzieren
würden.
Man liest und hört, dass genau die, denen die Latte des Rentenalters grade höher gelegt wird, reihenweise ihre Jobs verlieren und keine neuen finden, weil die KI ihre
Bewerbungsschreiben schon aussortiert hat, bevor sie von menschlichen Augen überhaupt wahrgenommen werden.
In den Marketing-Abteilungen werden Zielgruppen-Zuordnungen ab 60 schon planmäßig abgeregelt, weil mehr als Prostata-Tabletten, Gicht-Präparate und Kukident sind für
die Zielgruppe 60+ bereits außerhalb der Vorstellungskraft der Marktbearbeiter.
Die Gnade der frühen Geburt und der noch nicht eingesetzten Demenz machen es mir möglich, mich an historische Ereignisse zu erinnern, die heute relativiert und/oder
ignoriert werden.
Als damals 31-Jähriger saß ich vorm TV und sah tränenverschleiert den Fall der Mauer. Und heute steigen mir Tränen der Wut hoch, wenn ich rotgesichtige Männer und
Frauen aus den östlichen deutschen Bundesländern brüllen höre, ausgerechnet sie wären das Volk und das politische System, in dem sie eine solche Versündigung sagen dürfen, wäre eine
Diktatur.
Da könnte man schon eine ziemlich lange Zeit darüber räsonieren, was aus der von mir geliebten Demokratie geworden ist. Von der Aufklärung, an deren Unverzichtbarkeit
ich mich seit ein paar Jahren auch schreiberisch abarbeite, will ich jetzt gar nicht reden.
Das ist meine allergrößte Angst und Sorge:
Dass die derzeit (noch) Regierenden einfach den Schuss nicht hören. Dass wir uns in einem "nervösen Zeitalter" (Oliver Rathkolb) und einem politischen Biotop
befinden, das sich nicht ausreichend gegen jene schützt, die es abschaffen wollen. Dass die fatale "Balance" zwischen Freiheit und Faschismus auf die falsche Seite kippt. Und da denke ich viel
weniger an mich und meine Generations-Kolleg*innen, sondern an meine Kinder und Enkel-Wanzen, die den Großteil ihres Lebens in einer realen Dystopie verbringen müssen, wenn es nicht bald ein
Aufwachen gibt.
Der politische Diskurs hat sich schon so bedenklich nach rechts verschoben, dass Anti-Faschismus bereits als links gilt, anstatt als selbstverständlicher
Grundkonsens, der das demokratische System durchfluten soll.
Der Welt ist es ja von Herzen wuascht, was ich mir zum Geburtstag wünsche und trotzdem trau ich mich aufzuschreiben: Ich wünsch mir so sehr Frieden. Im eigenen
Herzen, in und mit den Menschen um mich herum, in der großen Gemeinschaft, in die wir alle geworfen sind.
Und einen Bodensatz an Herz und Hirn, der immer dann hochgequirlt wird, wenn die "Banalität des Bösen" wieder zuschlagen will - denn die bringt uns alle um. Zuerst
die "Guten" und leider als letzte die Arschlöcher.

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Walter Zinggl (Freitag, 15 Mai 2026 09:28)
Lieber Hannes, mögen Deine Wünsche, die aus meiner Sicht die Wünsche einer ganzen Generation sind und die der gesamten Menschheit sein sollten, zu unser aller Geburtstage in Erfüllung gehen. Du formulierst mit zunehmenden Alter immer präziser und gleichzeitig hast Du eine beinahe versöhnlich-optimistische Grundstimmung. Du bist wunderbar! Alles Liebe Walter
Markus Tripolt (Freitag, 15 Mai 2026)
Lieber Hannes!
Danke für deinen Beitrag, der mich berührt, gerade auch, weil ich zufällig am 9.11.89 auf der Mauer am Brandenburgertor zu stehen gekommen bin. Im windstillen Auge des Weltentaifuns. Die Liebe verschlug mich damals nach Berlin, heute ist sie mein fester Haltegriff im Sog der Verzweiflung.
Was ich sagen will: Nichts ist vorhersehbar und die Dinge entwickeln sich letztendlich immer anders als gedacht. Immer. In diesem Wissen liegt Hoffnung, die- wenn man Vaclav Havel glauben möchte (und das sollte man unbedingt) - nicht die Überzeugung sein kann, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es aus geht.
Apropos ausgehen: Vielleicht tut sich das ein Heuriger heuer, mit Gabi, Tina, dir und mir!?
So oder so - ich wünsch dir vom roten Herzen aus alles Gute zu deinem Geburtstag! Bussi, Großer!
Marcus Rotter (Freitag, 15 Mai 2026 10:19)
Danke, mein lieber Freund. Ich würde gerne mit dir auf einen Kaffee gehen… bei Zeiten. �
Paul Cech (Freitag, 15 Mai 2026 11:08)
Kann mich noch erinnern, wie wir uns auf der Uni kennengelernt haben. Bist uns gleich aufgefallen. Fröhlich. Positiv. Beruflichen Lebenslauf hatten wir sehr ähnlich. Nur: Bei der Gesundheit bleibe fröhlich. Hab gerade mit meiner Frau über mein Alter (über 70) und die Krankheiten geblödelt. So auf die Art: "Ich geb Dir einen kleinen Finger (habe ich nicht mehr), von Dir bekomme ich eine Galle! etc." Wir haben das heute als "Körper-Puzzle" erfunden. Und wir lachen herzhaft...