Vor 11 Jahren hatte ich ein aufwühlendes Erlebnis mit der europäischen HR-Chefin eines internationalen Agenturnetzwerks.
Es ging darum, ob ich COO der deutschen Niederlassung werden sollte.
Es war einer jener Tage, den man kennt, aber nicht unbedingt selbst erleben möchte.
Ich war damals 57 Jahre alt und heute würde man sagen: Ich wurde altersmäßig diskriminiert. Zwischen der HR-Chefin und mir entstand in den ersten Sekunden unseres Meetings eine
wechselseitige Ablehnung und ich "wusste" sofort, sie würde mich nicht durchwinken. Nach den unvermeidbaren Höflichkeiten sagte sie mir, sie könne sich nicht vorstellen, dass ich mit jungen
Leuten, die tätowiert sind und Löcher in den Ohrläppchen haben, den richtigen Ton finden würde.
Ich reagierte mit verhaltener Wut, denn genau diese Leute saßen in meinen Workshops und Seminaren und wir arbeiteten sehr lustvoll und effektiv miteinander. Etwas dieser Art erwiderte ich
auch, aber nur, um ihr ihren Triumph nicht kampflos zu überlassen.
Aus dem Job wurde nix und meine über alles geliebte Frau schenkte mir zum ersten Hochzeitstag ein Tattoo, das ich seither stolz am rechten Unterarm trage.
Seit ein paar Monaten denke ich regelmäßig an diese Begebenheit. Denn nun scheint sich das damals skizzierte Szenario zu erfüllen.
Nein, ich habe nach wie vor keine Schwierigkeiten mit der jungen Zielgruppe.
Ausgenommen mit jenen Repräsentant*innen, die mich reflexartig in der Boomer-Ecke einbetonieren wollen - da wächst nichts (mehr).
Die Mehrzahl hingegen mag es sehr, mich als Mentor einzusetzen und wenn ich in dieser Rolle bin, geht es meinen jungen Klient*innen ausgesprochen gut.
Der Faden ist an einer anderen - sehr speziellen - Stelle gerissen.
Bei den Werbeagenturen.
(Mit ein paar sehr genussvollen Ausnahmen!)
Es ist der Moment gekommen, wo ich in einen tiefen Spalt falle, wenn es um jene Werte geht, die ich in meiner Agentur-Lebensphase (immerhin 20 Jahre) hochgehalten und innigst geliebt
habe.
Ganz vorne die unbedingte - fast schon erotische - Leidenschaft für die "Idee".
Also das, was eine Kampagne im Innersten zusammenhält und dafür sorgt, dass auch das 23. Sujet noch immer aus demselben Treibsatz schöpfen kann, wie das erste.
Dann das handwerkliche Können.
Kaum jemand kann heutzutage mehr ein gutes Plakat gestalten. Da sitzen Web-Designer und sch... 24 Bögen mit kleinsten Details zu, weil sie offensichtlich glauben, da könnte man draufdrücken
und dann würde wunderwerklich was passieren.
Ganz zu schweigen von einem Anspruch, der sauschwer zu erfüllen ist, den Leute meiner Generation und viele vor uns immer als ultimative Benchmark hochhielten und den mein wunderbares Idol
Martin Puris einmal so zusammenfasste: "We create ideas unconfined by media".
Das - mit Verlaub - ist den allermeisten schon lange vollkommen wuascht.
Und so sieht es dann leider im hundsordinären Alltag auch aus.
Zu schlechter Letzt ist der Ethos meines eigenen früheren Gewerks bis zur Unkenntlichkeit verkommen. Es gibt nur noch wenige, sehr wenige heute aktive Berater*innen, die sich wirklich
ernsthaft mit den Kund*innen und deren Marken/Produkten auskennen. Leute, die dafür brennen, das kreative Produkt ihrer Agentur als Lösungsinstrument zu begreifen und dafür bei den
Auftraggebenden zu kämpfen.
Statt dessen sehe ich sehr viele Project-Manager, die sich - in ihrem Verständnis zurecht - darüber freuen, wenn die Kosten und die Deadlines eingehalten werden.
NEIN.
Das ist kein Lamento, dass früher alles besser war. Das ist ein großes Stück Trauer, dass eine wunderbare, schweißtriefende, glitzernde, geile, abenteuerliche, aberwitzige Zeit offenbar
unwiderruflich vorbei ist.
Eine Zeit, die ich selbst erleben durfte und deren Oberflächlichkeit und Absurdität ich auch selbst erlitten hatte.
Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass eine Agentur, in der ich selbst nie gearbeitet, aber für die ich jahrelang als Coach tätig sein durfte, vor wenigen Monaten "gestorben" ist:
DDB.
In ihr wohnten so gut wie alle faszinierenden Flutlichter, deren Strahlen ich auch persönlich so schmerzhaft vermisse.
Und so heißt es umlernen.
Das Trauern beenden.
Sich freuen, dass ich bei so vielen anderen Branchen so viel Freude, Energie und Lust empfinden kann.
Bei Ärztezentren, Anwaltskanzleien, Finanzdienstleistern, Medien, einzelnen Personen aus ganz vielen weiteren unterschiedlichen Branchen.
Und bei jenen wunderbaren, aufrechten, unbeugsamen, großartigen, kämpferischen Agenturen, die ich weiterhin betreuen darf und wo ich so etwas wie ein unzerstörbares "Daheim"
empfinde.
Eine große Batterie befeuert mich mit großer Ausdauer:
Zum Glück ist mein Rucksack voll mit Dutzenden anderen Cases aus der aktuellen Zeit.
Und wenn es grade mal eng werden sollte, wärmt mich mein Tattoo.

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