Wird 2026 ein verrücktes Jahr?
Das zurückliegende Jahr hat nicht damit gespart, uns immer wieder – meist genau dann, wenn wir es am wenigsten erwartet hatten – fundamental zu überraschen. Oft mit Kleinigkeiten, die sich dann anfühlten, wie ein Kieselstein im Schuh, der bei jedem Schritt zwickt und kratzt.
Viele in bester Absicht kalibrierte Kompass-Einstellungen mussten unterwegs adjustiert werden, viele auf der Landkarte eingezeichnete Routen waren dann doch von Gestrüpp überwuchert oder endeten plötzlich im Nichts. Eine Dauer-Challenge, die extrem anstrengend ist und sich in ihrem Grundrauschen kräfteraubend und erholungsfeindlich auswirkt.
Technologische Veränderungen sind über uns hereingebrochen, die mit ihrem Glitzer Hoffnungen und Erwartungen schürten, die bei näherer Betrachtung nur bruchstückhaft eingelöst werden konnten. Die „Künstliche Intelligenz“ trägt zum ersten Mal seit der Industriellen Revolution den Keim einer so fundamentalen Veränderung in sich, dass alle Hoffnungen, auch dieser Riesen-Change würde neue Jobs schaffen, mit einem gerüttelt Maß an Skepsis begleitet werden müssen.
Wie der großartige Yuval Harari in seinem Meisterwerk „Nexus“ schreibt, besteht ein existenzielles Risiko darin, dass die KIs untereinander eine Sprache/einen Code entwickeln, die wir mit unseren menschlichen Mitteln nicht (mehr) verstehen werden.
Über ein solch neu gewebtes Netzwerk mit den in jeder Hinsicht „humanen“ Instrumenten die Kontrolle behalten zu wollen, kommt einem romantischen Traum gleich.
Wer sich im vergangenen Jahr auf einen direkten Austausch mit der KI eingelassen hat, weiß mittlerweile auch, dass – je nach KI – der Algorithmus mit atemberaubender Geschwindigkeit gelernt hat, Empathie zu simulieren. Wieder ein Trugbild weniger, das uns glauben machte, dass genau dieses Feld – die Empathie – noch länger für den homo sapiens reserviert bleiben würde.
Was bleibt uns denn nun, wenn 2026 kein verrücktes Jahr werden soll? Aus meiner Sicht es die Abkehr vom Kalenderspruch, dass „Reibung Nestwärme erzeugt“. Ein Blick auf unser Zusammenleben zeigt mit großer Schmerzhaftigkeit, dass diese Reibung viele von uns wundgescheuert hat.
Daraus ist so manches Mal eine regelrechte Angst vor der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden entstanden, die zur Bildung von privaten Kokons und gesellschaftlichen Eremitagen geführt hat.
Vielleicht müssen wir versuchen, wie scheue Rehe vorsichtig und zaghaft aus dem Unterholz unserer Vorurteile hervorzukrabbeln, um uns wieder auf das gegenseitige Beschnuppern unserer Duftmarken einzulassen. Damit wir einander wieder besser riechen können.
Dann wird es kein verrücktes Jahr.
Weil wir wieder zusammenrücken.

Kommentar schreiben