Die Bildungs-Falle.

Seit Jahrzehnten irritiert mich - einmal mehr, einmal weniger - eine Beobachtung, deren DNA gerade in Zeiten wie diesen besonders verstörend ihre Markierungen zieht.


Es ist die mich zutiefst provozierende Gleichzeitigkeit von plakativ zur Schau getragener "abendländischer Bildung" und geradezu barbarischer moralischer Verkommenheit.

In ein und derselben Person.


Derselbe Mensch kann mit entrückter Verzückung über diffizilste Details von Mozart-Opern oder Beethoven-Symphonien parlieren und strophenweise Goethe und Schiller zitieren, während genau diese Person ohne mit einer Wimper zu zucken große Freude empfindet, Schutzsuchende in jene Länder zurückzuschicken, wo sie an Leib und Leben bedroht sind. 


In ein und demselben "Menschen" wohnen Kreuzworträtsel-Wissen und blitzschnelle Faktensicherheit, während die atemberaubende Ungleichverteilung von Vermögen und Chancen ihnen keine Sekunde wertvollen Schlafs raubt. 

Das sind dann oft genau jene, die mit genussvoll zelebriertem Schalk den abgedroschenen Kalauer zitieren: "Ja, ja, wer als Jugendlicher nicht links war, hatte kein Herz und wer als reifer Mensch nicht konservativ ist, hat kein Hirn." 

Und mich macht das erwartungsfrohe Blinzeln in die Runde fertig, wenn genau diese Charmebolzen auf das einprogrammierte Lachen der Umsitzenden spitzen und sich im Gegenlicht ihrer Schlagfertigkeit sonnen. 


Auf gut Ösisch: Wie geht sich das alles aus? 


Wie dumpf muss man in der eigenen bildungsbürgerlichen Selbstzufriedenheit (geworden) sein, um das Heraufdräuen des zu neuer Lebensenergie gefundenen Faschismus so lebensgefährlich zu verdrängen? 

Was ist in den mit Hexametern und Börsenkursen vollgestopften Hirnen los, wenn deren Eigentümer*innen völlig ungerührt von der "offenen Gesellschaft" (Sir Karl Popper) schwadronieren, um damit den "Diskurs" mit den Faschisten zu legitimieren? Und währenddessen wird im selben Arbeitsgang das Toleranz-Paradoxon von Sir Karl Popper kühl ignoriert und Habermas macht sich mit über 90 Jahren laut Sorgen um das Scheitern des Diskurses in Europa.


Wie geht sich das alles aus? 


Wie vereinbaren die Verteidiger des Abendlands und seiner Stadtbilder ihre eigene Wissenschaftsfeindlichkeit und Bereitschaft zum elastischen Interpretieren von Verfassungen und Grundgesetzen? Wie lange gelingt es Ihnen noch, die einhelligen Analysen der Politikwissenschaft zu ignorieren, die nachweisen, dass das "inhaltliche Stellen" der Faschisten und die bürgerlich-verbrämte Übernahme ihrer "Positionen" nur zum Aufmästen des braunen Monsters beitragen? 


Wann wird endlich der Schranken zwischen Herz und Hirn hochgefahren, der die Einsicht blockiert, dass wir alle uns mit Lichtgeschwindigkeit auf den Abgrund der Diktatur und das Ende der Aufklärung zubewegen? Oder wohnt in diesen Herzen auch nur noch der Börsenkurs und die Sehnsucht nach dem starken Mann, der dafür sorgt, dass die Kasse stimmt und wächst? 


Ist es denn tatsächlich ein erstrebenswertes Ziel im 21. Jahrhundert, den großartigen Yuval Harari zu widerlegen, der mit bewundernswerter Brillianz seit Jahren die Erkenntnis propagiert, dass die Menschheit sich nicht durch Konfrontation, sondern durch Kollaboration weiterentwickelt hat? 


Bevor ich mir nun die "gewitzte" Replik der Schlagfertigen vorstelle, in der sie kontern, sie hätten ja nichts gegen Kollaboration, solange sie zwischen den wenigen Mächtigen stattfindet, schließe ich lieber diesen Beitrag.


 

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