"Stadtbild"

In Deutschland gehen seit einigen Tagen die Wogen hoch. Bundeskanzler Merz hatte das aus seiner Sicht noch immer nicht ausreichend bearbeitete Thema "Migration/Integration" mit Verweis auf Eindrücke aus dem "Stadtbild" kommentiert. Nach ein paar weiteren Tagen großer Empörung über diese unverhohlen rassistische Äußerung legte er noch eine Schippe drauf und antwortete auf die Frage, ob er die Stadtbild-Bemerkung abändern oder zurücknehmen würde, mit einem klaren Nein und forderte die Fragenden auf, doch einmal die eigenen Töchter zu fragen. Nun quasi mit der Pauschal-Unterstellung, alles, was irgendwie fremd aussieht, wäre zugleich auch furchterregend und gewaltbereit.


Als Ösi sollte man sich da dringend raushalten. Zugleich entspricht die Richtung und der Inhalt der Debatte sehr genau den Tendenzen, die auch in Österreich sehr gut zu beobachten sind.

Das Thema lässt mich nicht in Ruhe.
Es sind schon viele Jahre her, dass der damalige oberösterreichische Landeshauptmann Ratzenböck von Menschen sprach, "denen man ihre Herkunft ansieht". Auch damals schwappte ein Empörungs-Tsunami hoch, der nach ein paar Wochen wieder abebbte.

Und immer wieder ging es mir - aus dem Unterbewusstsein kommend - gleich.
Mein erstes Gefühl war reflexartig:
Ja, stimmt doch eh! Man sieht doch, dass jemand von einem anderen Kontinent kommt, eine andere Hautfarbe hat, sich anders anzieht.
Das Andere.
Und dann fällt mir sofort Adorno ein, der sagte: "Jeder Mensch hat das Recht, anders zu sein."


Und ich denke an Kinder aus meiner näheren Verwandtschaft, die haben krauses Haar und mittelbraune Haut, weil ein Elternteil aus Afrika stammt und der andere aus einer "weißen" Familie. Diese Kinder sind in Österreich geboren, sprechen Deutsch als Muttersprache und sind genauso "integriert", weil sie genau die gleichen Start- und Lebensbedingungen haben, wie die Kinder "autochthoner" Eltern, bei denen niemand nur auf die Idee käme, sich nach dem Grad ihrer Integration zu erkundigen. Aber im Stadtbild wirken sie irgendwie "afrikanisch"...
So wie ein paar meiner Kund*innen, die afrikanische Eltern haben, dunkle Haut, hier in Österreich geboren wurden, ihre Ausbildungen mit großem Erfolg gemacht haben und wunderbare Menschen sind.

Und dann bin ich wieder einmal im Millennium-Tower, weil ich dort mit meiner Frau ins Kino gehe und jedes Mal spüre ich dort ein Gefühl, das mich im doppelten Wortsinn befremdet.


Eine riesige Lobby mit Food aus allen Ecken der Welt und an jedem Tisch sitzen Menschen, von denen Ratzenböck behaupten würde, dass man ihnen ihre Herkunft ansieht. 

Die reden absolutes Hochdeutsch, weil sie viele deutsch/deutsch synchronisierte Filme sehen und wenn ihnen das köstliche Essen schmeckt, dann sagen sie "lecker".


Als wir letztens mit unseren Enkel-Wanzis dort waren, war mein erster Reflex beim Betreten der Lobby, mich hier unbehaglich zu fühlen. 

Und genau in diesem Augenblick hält mir ein dunkelhäutiger junger Mann die Tür auf, damit ich mit meiner Beute-Enkelin ganz bequem reingehen kann.


Das sind dann die Momente, wo ich mich schäme und zornig bin auf mich, weil irgendwas in meinen Eingeweiden mich fühlen lässt wie ein faschistisches Arschloch, obwohl ich an mir und meiner Umgebung kein einziges Beispiel der Gewalt von Ausländern festmachen kann.
Im Gegenteil.

Gabi und ich haben seit ein paar Monaten ein leidenschaftlich ausgeübtes gemeinsames Hobby: Wir spielen Poolbillard.
Und die Billard-Lounge, die wir mindestens zwei mal die Woche frequentieren, ist ein Schmelztiegel tatsächlich aller in Wien anwesenden Hautfarben, Religionen und ja: Herkünfte. 

Und noch niemals ergab sich aus dieser Mischkulanz eine für uns unangenehme Situation oder gar Bedrohung. Ein paar der bunt gemischten Gäste kennen wir mittlerweile schon ein bisschen und immer begrüßen wir einander sehr freundlich. Neulich war der Nebentisch von gefühlt 50 Jahren "Stein" (ein Schwerverbrecher-Gefängnis in der Wachau) besetzt und es waren durchwegs "Autochthone" und die mussten wir höflich bitten, ein bisschen ihre Lautstärke zu drosseln, was ohne bedenkliche Reaktionen der Angesprochenen auch gelang.

Gestern fuhr ich mit der U-Bahn-Linie "U6" quer durch Wien und es war unangenehm.
Es roch streng in den Waggons, viele Fahrgäste, denen man eine "ausländische Herkunft" unterstellen könnte und darunter jede Menge autochthon wirkender Menschen, deren Anmutung Verwahrlosung vermuten lassen könnte.
Und es ist genau überhaupt nichts "passiert".

Was mich in all der Gemengelage unendlich verstört macht:
Jemand wie ich, der in seinem ganzen Leben kein einziges unangenehmes oder gar gefährliches Erlebnis mit Menschen hatte, die lt. Herrn Merz das Stadtbild stören und der der allgemeinen Menschenliebe und der Aufklärung im Wort ist, 

kann sich immer wieder mal nicht gegen vorschnelle Zuordnungen und logisch unbegründetes Unbehagen wehren.


Wie geht es dann jenen, denen dieses ethische Korrektiv nicht zur Verfügung steht und die dann Aussagen ausgesetzt sind, die sich verantwortungsbewusste politische Führungskräfte besser verkniffen hätten? 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Stephan (Samstag, 25 Oktober 2025 08:04)

    Buongiorno!

    Ein Kommentar von Hajo Schumacher heute Morgen im Hamburger Abendblatt. Finde ich in dem Zusammenhang hier ganz interessant:
    Der Beitrag ist überschrieben mit Schnelldiskurs in Debattenkultur:

    „Wenn wir uns Worte als Menschen vorstellen, dann gibt es die Aufgeregten wie „Skandal“, Trendige wie „Ambiguitätstoleranz“ oder Unscheinbare wie „Brandmauer“. Selten geschieht es, dass ein unscheinbares Wort Karriere macht. Womit wir beim „Stadtbild“ wären, das bislang ein geruhsames Dasein fristete. Doch dann kam der Kanzler.

    Nur am Rande: Als Friedrich Merz das S-Wort im Beisein professioneller Spitzohren in Potsdam verwendete, rührte sich kein Protest. Ministerpräsident Woidke (SPD) nickte sogar, wohl auch deswegen, weil das Wort im Kontext gar nicht so spektakulär klang. Was dann geschah, war ein Schnellkurs in deutscher Debattenkultur, in drei einfachen Schritten.

    Erstens: Der Begriff muss unpräzise sein, damit sich jeder was anderes vorstellen kann. Die einen denken an Urlaub, andere hören Hauptbahnhof, einige denken an ihre Töchter oder der Einfachheit halber gleich an Neukölln. Ein Wort als Projektionsfläche, das vor allem das Weltbild seiner Nutzer zeigt.

    Zweitens: Damit ordentlich Dampf in die Debatte kommt, ist bösartiges Missverstehen gefragt. Angreifer fahnden nach feinsten Spuren von Menschenverachtung, die Verteidiger wollen nur Schalmeien vernommen haben. Wichtig: Auf keinen Fall das Original nachhören, das trübt das Urteil.

    Drittens: Transformation. Ein harmloses Wort dient nun als Chiffre für Grundsätzliches, etwa als Beleg, dass man heute gar nichts mehr sagen darf. Das Finale ist erreicht, wenn jeder einmal „Armes Deutschland“ geseufzt hat. Wenige Tage später ist alles vergessen, dafür sind die Fronten ein bisschen verhärteter. Immerhin: Das Land hat sich erfolgreich abgelenkt von wichtigen Fragen, zum Beispiel, wo sich dieser mysteriöse Herbst der Reformen eigentlich versteckt.„