Linksliberal (?)

Rückblick auf eine verrückte Woche. 

August Wöginger, der mittlerweile langjährige Klubobmann der ÖVP Parlamentsfraktion erhält in einem Musterprozess wegen unverschämtesten Postenschachers die Gnade der Diversion und kommt mit Euro 44.000,- plus 5.000,- für sein nachhaltig geschädigtes Opfer davon. Er gilt als unbescholten - zur Freude seines Freundes und Bundeskanzlers Stocker (im Zivilberuf Anwalt). 


In der gleichen Woche tritt Stefanie Krisper, Abgeordnete zum Nationalrat der Regierungspartei NEOS mit Wirkung Ende Oktober von ihrem Mandat zurück. Nach allem, was sie selbst kommunizierte, wegen Wert- und Prinzipienverlusts ihrer Partei als Regierungspartei (ein Zusammenhang mit dem dröhnenden Schweigen von SPÖ und auch NEOS zum degoutanten Fall Wöginger ist nicht auszuschließen). Krisper gilt als links-liberal (ein Eintreten für Familienzusammenführung von Flüchtlingsfamilien und gegen Message-Control, sowie eine persönliche Freundschaft mit der ehemaligen Justizministerin der "Grünen" genügt offenbar schon für diese Punzierung).


In einem Kommentar im "Standard" schreibt die dortige Leiterin des Innenpolitik-Ressorts neben anderen Nachdenklichkeiten diese abschließenden Zeilen:

"Aber Krisper, die Menschenrechte und Rechtsstaat hochhält, die in migrationspolitischen Fragen linksliberal verortet wurde, vertritt ideologisch eine offenbar immer kleiner werdende Spezies. Vielleicht sollte das nachdenklich machen. (Katharina Mittelstaedt, 10.10.2025)"


Nun.

Die Spezies der "Linksliberalen" wird also immer kleiner. Vielleicht sollte man für sie den Artenschutz beantragen. Das würde dann wohl endlich eine klare Klassifizierung des Begriffs "linksliberal" nach sich ziehen und Leuten wie mir, der sich schon lange auch so bezeichnet, aus der Klemme helfen. 

Interessanter Weise gab es zum Thema "linksliberal" schon lange einen ungewöhnlichen Schulterschluss zwischen (rechts-)konservativ und links, die beide einen Widerspruch zwischen links und liberal verorteten. (Fürwitzige Konservative mit Hang zum CV pflegten mich in ihrem kaum beherrschten Sarkasmus gerne als "Salon-Sozi" zu bezeichnen.) 


Dabei wäre alles sehr einfach: 

Links könnte man doch sehr pragmatisch mit einer ausgeprägten Neigung zu Gerechtigkeit und gleichen realen Chancen zu Bildung, Gesundheit und Laufbahn bezeichnen - ergänzt durch eine substanzielle Abneigung gegen Schuldzuweisungen und Pauschalurteile gegen ganze Gesellschaftsgruppen und deren "schwarze Schafe".

Liberal ist eine Geisteshaltung mit entsprechendem Verhalten, die von prinzipieller Toleranz und Weltoffenheit durchzogen ist und insbesondere in religiösen Fragen vehement säkular eingestellt ist. 

Und: Diese raren Exemplare halten Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit für problemlos vereinbar...

Die Kombination dieser beiden Haltungen nennt man dann "linksliberal" und sie ist in spärlicher Ausprägung und unter Anrechnung der Diskursverschiebung nach rechts im Unterholz des politischen Biotops noch anzutreffen. 


Der "Standard" hat nun zum ersten Mal konstatiert, dass sich diese Spezies dem Aussterben nähert.

Ich finde das schade, werde aber gleichzeitig das Privileg der Unbekümmertheit der bedrohten Minderheit in Anspruch nehmen. 

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