Die vollautomatische Waschmaschine war eine große Erleichterung im Leben meiner Mutter. Bis dahin hatten wir eine Wäscheschleuder, die aussah wie ein kleines Fass und unter deren
schnabelförmigen Auslass man einen kleinen Kübel stellen musste. Mein 7 Jahre nach mir geborener Bruder wurde noch in Stoffwindeln gewickelt, die täglich ausgekocht wurden.
Dass mein Vater immer große Autos fuhr, war schon ein Zeichen gesellschaftlichen Ranges und wirtschaftlicher Potenz.
1972 - zu den olympischen Sommerspielen - wurde ein Farbfernseher angeschafft und weil wir schon dabei waren, auch gleich eine der damals sehr populären Stereo-Kompakt-Anlagen mit Radio,
Plattenspieler und Cassetten-Recorder. In Ö3 gab es Sendungen, deren Stereo-Empfang für die Hörer mit "linker Kanal, rechter Kanal, Balance Mitte" einkalibriert wurde.
In der 2. Klasse Gymnasium (1970) hatten wir Rede-Übungen zum Thema "Waldsterben". Natürlich hatten wir wenige Jahre später keine Ahnung vom "Club of Rome", aber es war uns klar, dass die
Umwelt so nicht weiter belastet werden konnte.
Trotzdem knatterten wir mit unseren 2-Takt-Mopeds durch die Straßen. 1 x Volltanken kostete ca. 70 Schilling und damit kam man schon eine Weile über die Runden.
Fliegen war etwas Exklusives und sogar in der Economy-Class gab es die brennheiß aufgewärmten Menues - meistens Huhn mit irgendeinem totgekochten Gemüse. Aber Mitte der 70er-Jahre zu
fliegen - das war schon was.
1976 - mit Auszeichnung maturiert und als würdevoll gealterter Schülervertreter - durfte ich die Rede zur Verleihung der Zeugnisse halten. Und ich erinnere mich noch genau an einen
zentralen Satz:
"Ich singe das hohe Lied für all jene, die dem hehren Ideal des Strebertums durch gezielte Faulheit einigen Glanz gestohlen haben." Damals waren Streber die unsympathischen Typen mit
Brillen, die in der Tanzschule immer die hässlichsten Partnerinnen abgekriegt hatten. (Ein Satz, der wegen galoppierender Anti-Wokeness heute nicht einmal gedacht werden dürfte.)
Heute liest und hört man von Matura-/Abitur-Zeugnissen mit Notenschnitt 1.0 und diese Glanzleistungen werden sogar nach Studienabschlüssen noch ehrfürchtig ins Treffen
gebracht.
1976 hatten einige meiner Mitschüler noch die Chance, ohne Studium zu sicheren Jobs bei Banken, Versicherungen oder Verwaltungsbehörden zu kommen. Und doch hatten wir schon geahnt, dass man
recht bald nur mit der AHS-Matura "nix werden" würde. Als ich mich nach meiner Promotion um einen Job bewarb, der in Wahrheit schon dem Neffen des amtierenden Generaldirektors versprochen war und
ich mich beim Personalchef des Unternehmens über diese Farce beschwerte, fuhr mich dieser an: "Was wollen Sie, Herr Doktor, im Jahreszeugnis der 8. Klasse Gymnasium hatten Sie in Chemie einen
Vierer!" Und ich erzählte diese Anekdote viele Jahre lang als lächerliche Replik eines Apparatschiks, der sich gegen den Nepotismus seines Chefs nicht anders zu wehren wusste. Heute - ich weiß
nicht: Vielleicht würde ich heute wegen eines Vierers in Chemie tatsächlich einen Job nicht kriegen.
Wir haben studiert und uns 1978 gekränkt, weil man uns die 68er-Revolte gestohlen hatte und wir spürten, wie eine gewisse Betulichkeit ins Land zog und der Sozialdemokratie die Mühen der
Ebene zu schaffen machten.
Und doch saß ich 1979 mit einem Hoodie (den man damals noch nicht Hoodie, sondern Kapuzenpullover nannte) und einem feurigen "Atomkraft - Nein Danke!" Aufdruck bei der Studienberatung und
half den Neuankömmlingen in die ersten Schritte des Studentenlebens - so wie es mein wunderbarer Freund Herbert Mayrhofer zwei Jahre vorher exklusiv mir zugute kommen hatte lassen.
Die SPÖ war ratlos geworden und die Grünen hießen damals noch nicht so, aber die ersten Anzeichen für ihre Existenz waren gut erkennbar. 1983 gab es die Grünen als gemeinsame Partei noch
immer nicht. Sie waren "gespalten" in einen konservativen Flügel und die "Alternative Liste" mit solider linker DNA. Die habe ich bei den Wahlen 1983 gewählt und mein lebenslanges Leiden, immer
bei den Losern von Wahlen zu sein, hatte begonnen.
In meine Dissertation über die Sozialpartnerschaft hatte ich ein Schluss-Kapitel - quasi außerhalb des "wissenschaftlichen" Teils - eingefügt, in dem ich 1983 davon träumte, dass es doch
hoffentlich bald einmal ein Wirtschafts-System geben sollte, das nicht mehr vom offensichtlich letalen Zwang des Wachstums getrieben wäre. Ja. Eh. Heute darf ich mir "alter weißer Mann" zurufen
lassen.
Von Leuten, die diese Erkenntnis als den heißesten Scheiß feiern und mich für einen umweltschädlichen Trottel halten.
In den 80er und 90er Jahren erlebte ich ein berufliches Schlaraffenland in der Werbung. Obwohl uns damals 30 bis 40-Jährigen wohl bewusst war, dass die wirklich goldenen Zeiten bereits
vorbei waren. Leute, die damals deutlich jünger waren,
als ich heute, waren die Lichtgestalten und zogen eine leuchtende Spur des "öffentlichen Skandals" - in jeder Hinsicht. "Öffentlicher Skandal" - so hatte Hans Schmid den Anspruch eines
Plakats definiert und viele der Plakate aus seiner Agentur waren das damals wirklich und würden heute wohl ausnahmslos vor dem Werberat landen, der sich in einem unsäglichen Kinospot damit
brüstet, für "Moral" in der Werbung gradezustehen. "Moral"!!!
Wenn ich heute mit Leuten aus der Werbung rede, dann sagen die mir, dass sich alle bis übers Kreuz anscheissen - aus lauter Angst, sie würden wegen irgendeines harmlosen Wortspiels in einen
Shitstorm rasen.
Und neulich haben mir Leute, die in den 90ern geboren wurden, erklärt, wie es "damals" wirklich war. Dass wir halt noch sex and drugs and rock´n´roll hatten und bis 4 Uhr Früh gesoffen und
gef... haben und dann stoned zu den Präsentationen getaumelt sind.
Ja, das hat es gegeben. Auch das. Aber meistens haben wir sehr lange gearbeitet, weil uns die Arbeit selbst so unendlich viel Spaß gemacht hat und weil es einfach geil war, zusammenzusitzen
und eine echte Idee auf die Welt zu bringen, für die wir kämpfen gegangen sind. Eine Idee. Und wenn jemand den Unterschied zwischen Idee und Umsetzung nicht im Vollrausch richtig deklinieren
konnte, haben wir ihn mit nassen Fetzen um den Häuserblock gejagt. Und eine Idee sollte - das war bereits Mitte der 90er ein Dogma - in allen Medien arbeiten können. "We create ideas unconfined
by media" war das 1996 vom legendären Martin Puris ausgegebene Motto für das Ammirati Puris Lintas-Network.
Multi-Channel hat damals niemand gesagt, dafür haben wir aber unser Herzblut dafür gegeben, dass es einfach so läuft - wuascht, wie man es nannte (Orchestration war z.B. so ein Begriff, der
damals en vogue war).
Ja, ich war stolz auf meinen 320er-BMW, den ich 1989 fuhr.
Und ich weiß noch, wie meinen Kindern die Luft wegblieb, als ich im Jahr 2000 mit einem dunkelblauen Range Rover 4,6 HSE zuhause vorfuhr und wie sie sich in die cremefarbenen Ledersitze
drückten.
"Da sollten Sie aber mit einer Tankstellen-Pächterin verheiratet sein, so durstig ist die Karre", sagte der Verkäufer, als er mir die Schlüssel übergab und heute würde man ihn für diesen
Spruch geteert und gefedert den Gürtel runtertreiben.
Ja. Was mir heute noch in der Seele weh tut, ist, dass ich so wenig Zeit für meine Kinder hatte. Ich war tatsächlich mit meiner Arbeit verheiratet und habe dort viel zu viel Zeit verbracht.
Manchmal ist es mir ein kleiner Trost, dass ich zumindest dann, wenn sie mich wirklich dringend brauchten, zur Stelle war. Aber die vielen kleinen Augenblicke der Gemeinsamkeit waren viel zu
wenig vorhanden.
Und vielleicht wären die wichtiger gewesen, als die "Emergency-Einsätze". Immerhin hat mir meine wunderbare Lisa zu meinem 60er den Papa-Ritterschlag verabreicht und mich von meinen
quälenden Selbstvorwürfen erlöst.
Als ich dann im April 2005 endlich die Zertifizierung als Wirtschafts-Coach erhielt, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich die innere Sicherheit, etwas tatsächlich
Sinnstiftendes zu tun. Mein Credo "Führung ist mehr als die Herstellung von Erfolg - Führung ist die Vermittlung von Sinn" entstand damals und damit war ich wahrscheinlich früher dran, als die
große "Purpose-Bonanza".
Ich glaube nach wie vor an die Kraft einer authentischen und instanziellen Führungs-Persönlichkeit und dass Führen sehr viel mehr mit "Anführen", als mit "Durchführen" zu tun hat. Ich habe
sehr oft erlebt, wie das agile Führungsprinzip des "servant leaders" zwar besonders wertschätzend gedacht ist, aber in der Realität an gruppendynamischen Verirrungen scheitert.
Es ist eine dauernde Herausforderung für mich, wenn Stars wie Simon Sinnek unverschämt den ehrenwerten Paul Watzlawick exhumieren und damit millionenfache Follower-Zahlen generieren ohne
die Quelle ihrer Weisheit klarzustellen.
So viele Vokabel und Begrifflichkeiten sind nur alter Wein in neuen Schläuchen und faszinieren die derzeit jungen Generationen so, wie wir "damals" fasziniert waren und auch nicht wussten,
dass "alles schon mal dagewesen" ist.
Eines scheint mir aber neu zu sein: Der unpackbar große Moralismus, der derzeit durch die Gegend wabert und eine Keule der Rechtschaffenheit schwingt, die mit dem Anspruch des Schutzes von
Minderheiten allen die Fresse poliert, die es wagen, aus der Tugend-Spur auszuscheren.
Immer öfter denke ich mir: Was wollt Ihr von mir? Leute wie ich hatten keinen Zeitgeist (ja, ich weiß, auch so ein Boomer-Wort) der uns - eskortiert von verbal bis an die Zähne bewaffneten
Tugendwächtern - auf der Schaumkrone der Aktualität surfen ließ.
Ich habe mir das Gendern aus eigenem Antrieb tatsächlich antrainiert, obwohl ich es bis vor wenigen Jahren tatsächlich bequemer fand, ohne Binnen-I zu kommunizieren. Und für mich war und
ist Toleranz, Wertschätzung und Respekt für alle, die das Recht in Anspruch nehmen, anders zu sein (Adorno), immer schon ein heiliger Maßstab gewesen. Aber es ist mir tatsächlich leichter
gefallen, diese Selbstverständlichkeiten ganz einfach in meinem Alltag zu praktizieren, als noch nicht an jeder Ecke die TugendwächterInnen lauerten.
Und dann zieh ich mir eine gepflegte Dosis CCR, Stones, Ten Years After rein. Oder einen völlig unkorrekten Jerry Lee Lewis oder den noch unkorrekteren Chuck Berry. Und dann kuschle ich
mich im Geiste in die herrlichen Jazz-Balladen eines Oscar Peterson oder - noch weiter zurück - eines Cole Porter und denke mir:
OK, Boomer, lass den Wahnsinn an Deinem Rücken runterrinnen. Bis zu L5/S1, wo Dein tiefster Bandscheibenvorfall wohnt. Und dort, genau dort, soll Dir der Wahnsinn den Arsch lecken.

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Ingo aus Hamburg (Freitag, 08 Juli 2022 19:54)
Das war wunderschön. Vielen Dank für diese kleine Zeitreise in eine Vergangenheit, die auch ein kleines Stück weit meine war, lieber Hannes.
Thomas (Freitag, 08 Juli 2022 20:14)
großartig, danke liebster Schwager für diesen Schreibrausch!