Trotzdem

Nach längerer Blog-Pause und trotz der stillsten Zeit im Jahr möchte ich wieder einmal mein ursprüngliches Motiv nützen, das mich bewogen hat, meinen Blog einzurichten. Auf einer quasi geschützten Plattform vor mich hinschreiben zu können. 

Und heute ist es wieder so weit. Ein paar Gedanken möchten formuliert werden. Durchaus auch als Reaktion.

Heute erhielt ich eine Nachricht, in der ich mit zynischem Unterton gefragt wurde, wo denn nun meine "Betroffenheitsprosa" bleibe - in Tagen wie diesen, wo so schreckliche Gewalt von Moslems verübt wird. Bei uns genauso wie in Strassburg. 

Die Provokation hat funktioniert. Nur nicht so, wie sie erwünscht war. 

Wer mich nur 3 Minuten lang kennt, kommt nach dieser kurzen Zeit zur absolut sicheren Gewissheit, dass mir Gewalt als Mittel der politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch religiösen Auseinandersetzung so zuwider ist, dass es dafür gar keine passende Kategorie mehr gibt. Mit vielen anderen stand ich damals frierend vor der französischen Botschaft, als der mörderische Anschlag auf "Charlie Hebdo" eine so blutige Bilanz verursachte. Ich verfasse außerdem keine Betroffenheitsprosa.

Sowas geht mir nämlich total am Arsch vorbei. Wenn ich mich hier oder auf Facebook austobe, dann deswegen, weil mir ab und zu das Herz übergeht vor Freude, vor Schmerz und auch vor Zorn. Und dann schalte ich auf Durchzug und schreib es mir von der Seele. Subjektiv. Nicht objektiv. Persönlich. Nicht ausgewogen. Aber das Gesülze von professionell Gerührten mag ich nicht und wehre mich auch dagegen so gut ich kann. 

Was mich nervt - sehr persönlich nervt - und mich zornig macht - ganz tief drin:

wenn uns die vorgeblichen Hüter des Abendlands in eine Zeit zurückzwingen wollen, die aus meiner Sicht mit sehr viel Mühe, Herz und Hirn überwunden worden ist.

Wenn zutiefst Ungebildete und Unwissende darüber befinden dürfen, dass die Pädagogik des 19. Jahrhunderts wieder fröhliche Urständ feiern darf, dann regt sich meine Wut und meine Abscheu. Aus sehr persönlicher Erinnerung weiß ich, wie lächerlich es war, als meine Eltern mit ihren besten Freunden darüber wetteiferten, wessen Kind nun einen "Vorzug" im Gymnasium hatte und wer was schneller oder besser drauf hatte. In diese absurde Welt des pädagogischen Schwanzvergleichs wollen uns die Studienabbrecher und Sahara-Forscher nun wieder zurückzwingen.

Macht Eure Ausbildungen fertig und lernt nach, was Ihr so offensichtlich verpennt habt, bevor Ihr Euch an den Kindern und Lehrern vergreift!

Ich weiß ja nicht, wie die Damen und Herren "Reformer" ihre Kindheiten und Jugendzeiten verbracht haben (na gut, bei dem einen oder anderen weiß man es schon und es ist wenig erbaulich), aber was hat man denen angetan, dass sie jetzt eine derart bittere Pädagogik einführen wollen. 

Ich habe keine Ahnung, wann die nun Regierenden zum letzten Mal wirklich einen Leistungsbeweis ihrer täglichen Arbeit erbringen mussten und ob sie den Schatten einer Vorstellung haben, wie jemand lebt, der morgens nicht weiß, ob er abends seinen Job noch hat.

Und ich sehe oft genug jene innerlich Verdumpften, die nicht zu schätzen wissen, in welch guten Bedingungen sie leben. Die unsensibel und undankbar sind für die geschützten Bereiche, in denen sie ihren drögen Alltag abdienen. Die - genau die - schreien am lautesten, wenn das sogenannte Leistungsprinzip "wieder was gelten soll". Ohne selbst auch nur ansatzweise zu ahnen, was das überhaupt ist. 

Ist ja auch nicht notwendig - der Job ist unkündbar und die Firmenpension geregelt. 

Die - genau die - finden dann den Basti und den Bumsti so leiwand.

Die zeigens "denen" endlich, wo der Bartl den Most holt. Ja. Denen. Ihnen! 

Und dann bleibt immer noch genug Platz und Muße, um die Empörungsmaschinerie auf Volldampf fahren zu lassen. Wenn sich wieder irgendein muslimisches Arschloch seine 72 Jungfrauen "verdienen" will. Und zum Drüberstreuen zitieren wir dann ungeprüft vom Wochenblick und vom Wegscheider und vom unzensuriert.at. 

Und die Fakes, wo angeblich Moslems einen Christbaum zerstören, die posten wir dann auch gleich mit. Und wenn´s auch ein Fake ist: Es könnt ja sein - zuzutrauen ist denen ja schließlich jede Sauerei.

Bevor ich da in Betroffenheitsprosa verfalle, gift ich mich lieber über soviel Paranoia und Hass. Und wünsch mir wie jeder andere normale Mensch, dass die Mörder und Messerstecher von ordentlichen Gerichten verurteilt werden und unsere Breiten verlassen müssen. 

Und all die Verteidiger einer Welt, die gestern schon vorgestrig war, werde ich weiterhin mit Gift und Galle begleiten. Weil die machen mich betroffen. Ob´s mir passt oder nicht.

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Kommentare: 3
  • #1

    Franz Wiedek (Mittwoch, 12 Dezember 2018 17:40)

    Sie schreiben mir von der Seele. Es tut so gut, wenn jemand wie Sie die Probleme klar und verständlich auf den Punkt bringt. Danke. Lg aus Kärnten

  • #2

    charlie winter (Mittwoch, 12 Dezember 2018 18:10)

    könnte ich meine gefühle und erkenntnisse annähernd so in worte fassen, hätte ich das geschrieben. danke lieber hannes!

  • #3

    Tanne Rosl (Donnerstag, 13 Dezember 2018 08:40)

    Auf den Punkt gebracht! Danke! Bussi, Tanja