Ich lese grade einen Brief, den der Leiter eines Londoner Krankenhauses im Jahr 1886 an den Herausgeber der "Times" geschrieben hat. Darin beschreibt er einen jungen Mann, der unter so schrecklichen Deformierungen seines gesamten Körpers zu leiden hat, dass sein Anblick der Öffentlichkeit nicht zumutbar ist.
Dieser Mann wurde bekannt/traurig berühmt als der "Elephantenmensch". Er musste von Kindheit an ein jämmerliches Leben führen und wurde von erbarmungslosen Schaustellern (darunter auch ein Österreicher) in Freak-Shows vorgeführt und dann noch seiner armseligen Ersparnisse beraubt.
Dank der Initiative der "Times" wurden ausreichende finanzielle Mittel gesammelt, dass der Mann - intelligent, feinsinnig und kunstinteressiert - in einem kleinen Zimmer im Dachgeschoss des Krankenhauses leben und versorgt werden konnte. Er bezeichnete dieses Zimmer als sein "Zuhause".
1890 starb der "Elephantenmensch" nur wenige Jahre älter als 30.
Fast genau 100 Jahre später - im Jahr 1982 - wurde sein Schicksal im Wiener Schauspielhaus mit Wilfried Baasner in der Titelrolle dramatisiert. Baasner gelang eine derart beeindruckende Interpretation dieses Schicksals, dass er mit der Kainz-Medaille ausgezeichnet wurde. Ich sehe mich noch im Schauspielhaus sitzen, sehr weit vorne, und spüre noch heute die Atemlosigkeit, mit der mich Baasner in seiner beklemmenden Körperlichkeit gefangen hielt.
Baasner starb 2006 in Athen mit nur 66 Jahren.
Wenige Jahre vor seinem Tod saß er in Wien im Café Landtmann einen Tisch neben mir. Und in Sekundenschnelle hatte mich die Erinnerung an sein grandioses Spiel wieder gepackt. Ich habe mich zu ihm gewendet, ihn angesprochen und mich für einen Theaterabend bedankt, der mich mein ganzes Leben nicht losgelassen hat.
Baasner war wirklich persönlich berührt, hat mich umarmt und sich bedankt.
Wie man sieht, genügt auch heute noch ein historischer Briefwechsel, um mich an diesen unglaublichen Schauspieler zu erinnern.
